Wir haben die besten Eltern der Welt. Jedenfalls, wenn man davon ausgeht, wie sehr sie sich um ihre Kinder kümmern. Wie eine Untersuchung aus dem Jahr 2024 zeigt, verbringen Eltern so viel Zeit mit ihren Kindern wie noch nie. In der Schweiz kommen Eltern auf eine Betreuungszeit von 31 Stunden pro Woche, das sind 7 Stunden mehr als noch vor 26 Jahren. Auch in Deutschland hat die Zeit, die Eltern mit Kindern verbringen, sehr zugenommen. Väter verbrachten 2022 laut einer Zeiterhebungsstudie 1 Stunde und 19 Minuten pro Tag mit ihren Kindern, zehn Jahre zuvor waren es nur 51 Minuten, das ist ein Zuwachs von mehr als 50 Prozent. Auch Mütter bringen mehr Zeit mit dem Nachwuchs zu: 2 Stunden 18 Minuten gegenüber 1 Stunde 14 Minuten vor zehn Jahren. Für Kinder ist also bestens gesorgt, oder?
Die Sorge um Kinder ist, was uns heute offenbar in hohem Maße beschäftigt. Das zeigt sich auch an der Debatte darüber, welche Erziehung Kindern heute am besten entspricht. Viele Eltern haben heute das Gefühl, sie müssten sich besonders intensiv um ihre Kinder bemühen.
Forschungen der Cornell University in Ithaca, New York, haben ergeben, dass „Intensive Parenting“, also die ständig bemühte Elternschaft, zum prominentesten Modell geworden ist. Und zwar bei Eltern aller sozialen Schichten. Eltern glauben also: Je mehr man sich kümmert, desto besser. Väter versuchen nach Feierabend „Quality Time“ mit ihren Kindern zu verbringen, Mütter planen das ganze Wochenende durch, damit das Kind eine möglichst sichere Bindung entwickelt. Eltern schlafen gemeinsam mit den Kindern im Familienbett. Eltern machen alles – und sind am Ende furchtbar gestresst. In einer Umfrage von 2024 gaben 70 Prozent der Eltern an, sich zumindest zeitweise erschöpft und ausgebrannt zu fühlen.
Sie glauben, dies alles zum Wohl der Kinder zu tun, dabei ist denen damit oft gar nicht gedient. Denn Eltern, die ständig an sich zweifeln, laufen Gefahr, gereizter und ungeduldiger zu werden. Erschöpfte Eltern neigen häufiger zu Schimpfen oder Schreien – was mit mehr emotionalen Problemen bei Kindern einhergeht. Eltern, die nur für das Kind leben und sich selbst verleugnen, tun also weder sich selbst noch dem Nachwuchs einen Gefallen.
Ein populärer Erziehungsstil ist heute die sogenannte bedürfnisorientierte Erziehung, die sich letztlich auf die Bindungstheorie von John Bowlby beruft. Sie beruht auf der Annahme, dass Eltern vor allem darauf achten, die Bedürfnisse ihrer Kinder zu erkennen und zu befriedigen, um ein gedeihliches Aufwachsen zu veranlassen. Das ist sicherlich grundsätzlich richtig. Ein häufiges Missverständnis ist, dass jedes Bedürfnis der Kinder mit den Eltern zu tun haben müsste und die Eltern es stillen sollten. Dabei haben Kinder viele Bedürfnisse, die mit den Eltern rein gar nichts zu tun haben. Vor allem das Bedürfnis nach Autonomie. Der Kinderarzt und Erziehungsexperte Herbert Renz-Polster drückt das in einem Interview mit der ZEIT so aus: „Entwicklung bedeutet, die eigene Komfortzone schrittweise zu erweitern – und dabei auch Unvollkommenheit und Scheitern auszuhalten“, sagt er. Vieles müssten Kinder alleine ausprobieren und oft auch daran scheitern. „Dinge gelingen nicht zu hundert Prozent, oft nur zu achtzig.“ Aber genau in diesem „gelben Bereich“ entstehe Selbstregulation oder „Landgewinn“, wie Renz-Polster es nennt. „Wenn Eltern ihren Kindern die Erfahrungen in diesem gelben Bereich nicht zumuten oder zutrauen, machen sie es ihnen schwerer, sich zu entwickeln.“
Doch diese Freiräume sind für Kinder heute rar. Während andere Generationen noch zum Teil auf der Straße erzogen wurden und viele Einflüsse von anderen Menschen – vor allem Gleichaltrigen – hatten, sind Kinder heute stark betreut. Und zwar nicht nur in der Familie. Die Betreuung beginnt in der Kita, die sich bis in den Nachmittag hineinzieht, und wird dann nahtlos an die Ganztagsschule übergeben. Wenn die einmal zu Ende ist, warten auf viele Kinder noch individuelle Fördermaßnahmen, Sportvereine oder Musikunterricht, vielleicht sogar eine Sprachförderung. Stets gehen wir dabei davon aus, dass das Beste, was einem Kind passieren kann, die Beaufsichtigung durch einen Erwachsenen ist.
Autonomie ist für Kinder selten geworden. Räume, sich selbst auszuprobieren, Eigenständigkeit zu entwickeln. Eltern müssten viel öfter aktiv diese Räume schaffen und schützen, als sich Gedanken darüber zu machen, wie sie möglichst jede Minute des Kinderlebens mit dem Input von Erwachsenen zuschütten.
Denn das wäre nicht nur für die Kinder gut. Auch Eltern müssen sich Freiräume schaffen. Kinder lernen vor allem durch Vorbilder. Die Forschung geht heute davon aus, dass der Wertetransfer nur zu einem begrenzten Maß durch direkte Instruktion geschieht. Vor allem aber dadurch, dass Eltern ihre Werte vorleben. Kinder müssen sehen, wie Eltern ihre Zeit verbringen. Sie müssen wissen, was Mutter und Vater wichtig ist und was sie glücklich macht. Dafür müssen Eltern sich Raum und Freiraum geben. Sie müssen sich fragen: Was sind denn die Werte, die ich vermitteln möchte? Und wie kann mein Kind miterleben, warum mir das wichtig ist? Wenn Eltern in dieser Weise für sich selbst sorgen, zeigen sie auch ihren Kindern, wie das gelingen kann. Und das zu wissen ist für Kinder weitaus wertvoller als Eltern, die ständig davon gestresst und überfordert sind, für ihre Kinder alles perfekt zu gestalten.
Tillmann Prüfer ist Leiter des Familien-Ressorts der ZEIT. Im April ist von ihm das Buch „Was Sie (wirklich) über Erziehung wissen müssen. Das Wichtigste für alle Eltern – aus den entscheidenden Studien“ bei dtv erschienen.